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Geschrieben von: Feldkircher Anzeiger
Feldkircher Anzeiger,
23. August 2007
"Dass die Situation im Irak so eskaliert, hätte niemand im Irak je vermutet", erläutert Alicia Allgäuer, eine junge Studentin aus Gisingen, die vor kurzem für die Hilfsorganisation Wadi Österreich den Irak besucht hat. Wadi unterhält in Irakisch-Kurdistan Frauen- und Sozialprojekte, wie Frauenhäuser, Frauenzentren oder ein freies Radio für Frauen und Jugendliche in der von Saddam Hussein mit Giftgas zerstörten Stadt Halabja. In der kurdischen Autonomieregion wäre die Situation immer noch sicher, berichtet Alicia Allgäuer von ihren eigenen Erfahrungen, Projekte außerhalb des Kurdengebietes mussten allerdings aus Sicherheitsgründen wieder geschlossen werden: "Ein Frauenschutzhaus in Mossul musste geschlossen werden. Die Drohungen radikaler sunnitischer Islamisten ließen die Situation zu gefährlich werden." Projektideen für den Zentral- und Südirak liegen seither in der Schublade. Wadi-Österreich-Obmann Thomas Schmidinger - auch er stammt aus Feldkirch, unterrichtet jedoch nach Abschluss seines Studiums am Institut für Politikwissenschaft in Wien - denkt derzeit aber an keinen Rückzug aus den Kurdengebieten des Irak: "Dort unterscheidet sich die Lage völlig von den Gebieten, die wir jeden Tag in den Medien sehen. Fast alle Anschläge und Massaker finden zurzeit in Bagdad statt. In Irakisch-Kurdistan hingegen ist die Lage stabil und wir hoffen, dass dies auch so bleibt."
Bedarf für soziales Engagement gibt es dort jedoch genug. "Der wirtschaftliche Aufschwung in den Kurdengebieten beschränkt sich auf die Provinzhauptstädte Arbil, Dohuk und Sulemaniya. Die Situation in den Dörfern und Kleinstädten ist weiterhin von einem eklatanten Mangel an medizinischer Versorgung, öffentlicher Infrastruktur und Einkommensmöglichkeiten geprägt", berichtete Thomas Schmidinger, der schon mehrmals verschiedene Regionen Irakisch-Kurdistans bereist hat.
Besonders die Frauen würden in dieser Mangelsituation Opfer von Marginalisierung und konservativen Gesellschaftsstrukturen, berichtet Alicia Allgäuer: "Bei ländlichen Frauen ist die Analphabetenrate extrem hoch. Dass diese Frauen ihre Situation aber verändern wollen, beweist der Ansturm auf die Alphabetisierungskurse in unseren Frauenzentren." Wadi unterhält Frauenzentren in Halabja, Kifri, Biara und Thawela. Insbesondere in Biara und Tawela, die bis 2003 von radikalislamistischen Milizen der "Ansar al-Islam" beherrscht und terrorisiert wurden, wurde mit den Frauenzentren von Wadi eine kleine Revolution losgetreten. Nach Jahren der Unterdrückung wurde hier erstmals ein sozialer Raum für Frauen geschaffen, in dem Alphabetisierungs- oder Handwerkskurse ebenso möglich sind wie zwanglose Treffen unter Frauen, die bis 2003 nur verschleiert ihre Häuser verlassen durften.
Um auch die Frauen in kleinen Dörfern zu erreichen begann Wadi 2003 frauengeführte mobile Teams mit Ärztinnen und Sozialarbeiterinnen in die Dörfer zu schicken. Dabei stießen die Ärztinnen auf ein bis dahin im Irak völlig unbekanntes Problem: In einigen Regionen stellte sich heraus, dass sehr viele Frauen und Mädchen "beschnitten" wurden. Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) ist damit nicht auf Ägypten, den Sudan oder das subsaharische Afrika beschränkt, sondern kommt zumindest in einigen Gebieten Irakisch-Kurdistans vor. "Wir haben gerade ein großes Projekt bei der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit eingereicht, das nicht nur eine Aufklärungskampagne gegen FGM enthält, sondern auch eine genauere Studie die Verbreitung von FGM in Irakisch-Kurdistan untersuchen soll", erläutert Thomas Schmidinger. Erste Umfragen in den Dörfern hätten ergeben, dass es zwar starke regionale Unterschiede gäbe, aber grundsätzlich alle Bevölkerungsgruppen der Region betroffen wären. Alicia Allgäuer, die selbst bei einer der Aufklärungskampagnen von Wadi gegen FGM dabei war, erzählt: "Das Problem beschränkt sich nicht auf Muslime. Auch unter Christen oder Anhängern kleinerer kurdischer Religionen gibt es FGM. Wir versuchen deshalb in unseren Aufklärungskampagnen auch mit religiösen Würdenträgern aller Religionen zusammenzuarbeiten. Es gibt eine Reihe islamischer Geistlicher, die diese Unsitte klar als unislamisch ablehnen." Mittlerweile gelang es Wadi auch die kurdischen Behörden von der Wichtigkeit des Problems zu überzeugen. Bei einer großen Konferenz kurdischer Frauenorganisationen wurde im März 2006 das Thema sogar auf die Tagesordnung der kurdischen Parteien gebracht.
Trotz dieser Erfolge sehen die Wadi-MitarbeiterInnen noch viel Arbeit vor sich: "All diese Projekte sind erst der Beginn einer gesellschaftlichen Transformation bei der wir die kurdische Bevölkerung nur unterstützen können, die aber letztlich nur aus der kurdischen Bevölkerung heraus geschehen kann. Unsere Projekte geben aber wichtige konkrete Anstöße und ermöglichen Frauen und Männern aus dem Nordirak sinnvolle Projekte mit uns gemeinsam durchzuführen, die ausschließlich mit lokalen Geldern nicht finanzierbar wären." Dementsprechend wichtig sind für Wadi die Spenden aus Österreich, ohne die auch das ehrenamtliche Engagement von Alicia Allgäuer und Thomas Schmidinger nicht möglich wäre. Schmidinger: "Auch im Irak kosten solche Projekte natürlich viel Geld. Von den nach 2003 angekündigten Irak-Geldern haben wir bisher nichts gesehen. Diese Gelder liegen großteils auf Eis."
Die meisten europäischen NGOs haben sich allerdings sowieso schon längst aus dem Irak zurückgezogen. Aus Österreich ist zurzeit ausschließlich Wadi Österreich im Irak aktiv. "Über Kooperationspartner freuen wir uns aber", meint Alicia Allgäuer schmunzelnd.
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