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"Wir sahen, wie ein alter Mann gehenkt wird, und waren schockiert"

Wieland Schneider ("Die Presse") begleitete LeEZA (damals "Wadi Österreich") in den Nordirak

Die Presse, 1.2.2007

Die Hinrichtung Saddam Husseins und der Prozess gegen seinen Schergen "Chemie-Ali" ziehen Iraks Kurden in ihren Bann. Die Menschen spüren Wut und Rachegefühle, aber auch Mitleid mit ihren früheren Peinigern.

von Wieland Schneider

 

Plötzlich verstummt das Geplauder in der kleinen Lobby des Motel "Meer". Die Männer fixieren den TV-Schirm und warten. Was wird er sagen? Wie wird er rechtfertigen, dass seine Befehle zigtausende Kurden das Leben kosteten? Dann tritt er vor den Richter, ohne jedes Zeichen von Reue: "Ich habe keinen Fehler gemacht", schnarrt Ali Hassan al-Majid, Cousin des hingerichteten irakischen Diktators Saddam Hussein. Es sei Krieg gewesen, "die Aktionen gegen die Kurden waren legitime Militäroperationen".

Fernsehkameras nehmen den Auftritt Ali Hassans vor dem Sondertribunal in Bagdad auf, übertragen alles live in die Kurdengebiete Nordiraks. Mit jedem Wort des Angeklagten wird das Murren in der Lobby des Motels lauter. Einige der Männer schütteln erbost den Kopf. Hier, in der kurdischen Stadt Suleymania, kann man nicht fassen, was Saddams Cousin da aussagt. Auch Miran ist wütend: "Er hat so viele getötet. Und jetzt tut Chemie-Ali so, als wäre das völlig normal gewesen."

Es ist der massive Einsatz von Giftgas, der Ali Hassan den Beinamen "Chemie-Ali" eingebracht hat. In den 80er Jahren hatte Iraks Militär tausende iranische Soldaten mit chemischen Waffen umgebracht. Dann waren die Kurden an der Reihe. Unter dem Vorwand, Iraks Kurden kollaborierten mit dem Kriegsgegner Iran, starteten Saddams Streitkräfte die Operation "Anfal". Tausende Kurdendörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, 180.000 Kurden umgebracht - viele davon mittels Giftgas. Koordinator der Aktionen war Saddams Cousin Ali Hassan.

Einer, der damals Überlebende der Chemie-Angriffe medizinisch betreute, ist der österreichische Universitätsprofessor Gerhard Freilinger. 1984 schickten die Iraner dem Spezialisten für plastische Chirurgie ein Flugzeug voller Verwundeter nach Wien - angeblich Opfer von Verbrennungen. "Ich sah sofort, dass die Patienten keine Luft bekamen. Das waren keine Verbrennungen", erzählt Freilinger. Er stellte fest, dass die iranischen Soldaten C-Waffen ausgesetzt waren. 1988 landete der erste Transport mit kurdischen Zivilisten in Wien. "Auch sie waren Giftgasopfer", berichtet Freilinger.

Nun, fast zwanzig Jahre später, schilderte der Chirurg seine Erfahrungen von damals einem irakischen Gericht. Dreieinhalb Stunden dauerte Freilingers Aussage vor vier Richtern im kurdischen Suleymania. Sie ist wichtiges Beweismaterial im Prozess gegen Ali Hassan und dessen Mitangeklagte.

Auch Falah Mordakhin erinnert sich noch genau an die Geschehnisse von damals - an all die Toten, an denen er vorbei in die Berge flüchtete. Falah war 13 Jahre alt, als seine Heimatstadt Halabja im März 1988 von Iraks Luftwaffe mit Giftgas bombardiert wurde. 5000 Menschen starben, Halabja wurde zu dem Symbol für Saddams Verbrechen an den Kurden.

Heute ist es für die Bewohner der Stadt eine Genugtuung, dass mit Ali Hassan der Drahtzieher des Giftgasangriffs vor Gericht steht. Und doch hat der Prozess einen Schönheitsfehler. "Viele sind verärgert darüber, dass Saddam Hussein, der Hauptverantwortliche für die Verbrechen, beim Prozess nicht mehr anwesend ist", berichtet Falah. Saddam war Ende Dezember wegen eines Massakers in einem Schiiten-Dorf hingerichtet worden.

Falah gesteht ein, dass ihm der Tod Saddams nicht gerade leid tue. Und doch übt er Kritik an der Hinrichtung: "Ich bin grundsätzlich gegen die Todesstrafe", meint der Menschenrechtsanwalt, der für die Hilfsorganisation WADI arbeitet. Dass Saddam bei der Exekution beschimpft wurde, sei zudem gegen das irakische Gesetz.

"Wir mussten zusehen, wie eine alter Mann aufgehängt wurde, und wir waren darüber schockiert", meint der 21-jährige Bahnam. Der junge Mann kommt fast täglich in das große Teehaus im Zentrum Suleymanias, um über Politik zu diskutieren.

Arf Raof Rahim kann Bahnams Standpunkt nur wenig abgewinnen. "Die Jungen haben nicht miterlebt, was Saddam uns angetan hat", sagt der 59-jährige Bauer. Er weiß noch genau, wie Iraks Luftwaffe sein Dorf Kardah mit Giftgas bombardierte. "Ich war zunächst blind. Und 40 Tage lang war meine Haut ganz schwarz", erzählt der Mann.

Mit dem Tod durch den Strang sei Saddam noch "billig" davongekommen. Ob er auch im Fernsehen den Prozess gegen Chemie-Ali mitverfolge? "So oft es geht. Nur gestern nicht. Da hatten wir keinen Strom."

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