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„Klima der Angst“

Thomas Schmidinger (LeEZA-Mitarbeiter, vormals Wadi-Österreich) über die Situation der Frauen im Irak

 

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ChiLLi,
27. September 2006

 

Thomas Schmidinger ist Mitarbeiter der im Irak mit Frauen-Projekten tätigen Hilfs-Organisation Wadi, Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft und Mitherausgeber des Buches „Irak - Von der Republik der Angst zur parlamentarischen Demokratie?" Im E-Mail Interview mit CHiLLi spricht er über die Situation der Frauen im Irak und über positive und negative Entwicklungen seit dem Sturz von Saddam Hussein.

CHiLLi: „Wie ist aus Ihrer Sicht die derzeitige Situation von Frauen im Irak?"
Thomas Schmidinger: „Es gibt kaum irgendwo eine Gesellschaft, in der Frauen wirklich gleichberechtigt wären. Die Situation gesellschaftlicher Ungleichheit ist also keine spezifisch irakische Realität. Tatsächlich war der Irak, was die Geschlechter-Verhältnisse betrifft, schon viel weiter als heute. Bereits nach dem Sturz der Monarchie 1958 war unter dem links-populistischen Regime Abdel Karim Qasims ein säkulares Personenstands-Recht durchgesetzt worden, das damals als das fortschrittlichste in der gesamten arabischen Welt galt."

„Diese Tendenz kehrte sich jedoch unter dem Ba´th-Regime, seit dem Angriffs-Krieg gegen den Iran, um. Als Zugeständnis an die Soldaten wurde in den achtziger Jahren das Mindestalter zur Verheiratung von Mädchen wieder heruntergesetzt. Im Laufe der neunziger Jahre wurden Morde aus Gründen der „Ehre" de facto wieder legalisiert. Viele irakische Mädchen wurden als Prostituierte in arabische Staaten verschleppt. Dieser Rückschritt lässt sich nicht von heute auf morgen wieder umkehren. Nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 zeigte sich durch die weitgehende Abwesenheit des Staates auch eine zunehmende Rückkehr zu vermeintlich traditionellen Familien-Strukturen. In manchen Teilen des Landes hat auch der Einfluss religiöser Gruppen wieder zugenommen. Dies wirkt sich auch auf die Geschlechter-Verhältnisse aus."

CHiLLi: „Was sind die größten Probleme für die Frauen?"
Thomas Schmidinger: „Das größte Problem für Frauen ist zurzeit sicher der Mangel an Sicherheit. Vor allem im Zentralirak und in der Hauptstadt Bagdad wagen sich viele Frauen kaum noch alleine vor die Haustüre. Zur allgegenwärtigen Gefahr, Opfer eines Anschlags zu werden - die selbstverständlich auch Männer betrifft - kommen für Frauen noch spezifische Gefahren dazu. Viele der Terrorgruppen entführen Frauen und oder vergewaltigen sie. Mit Politik oder einer islamistischen Ideologie hat diese Gewalt oft nur noch wenig zu tun. Das allgemeine Chaos schafft auch Betätigungs-Felder für banale Verbrecher. Gefangen genommene Terroristen geben immer wieder zu Protokoll, wie sie Frauen vergewaltigt oder zerstückelt haben. Das Wissen über diese brutalen Verbrechen verursacht ein Klima der Angst für junge Frauen und Mädchen."

CHiLLi: „ Hat sich seit dem Sturz von Saddam Hussein die Lage für die Frauen in gewissen Bereichen verbessert?"
Thomas Schmidinger: „Das lässt sich nicht mit einem einfachen ja oder nein beantworten. In vielerlei Hinsicht hat sie sich verbessert. Heute ist es nicht mehr der Staat oder besser gesagt ein den Staat beherrschender Clan, der Frauen verschleppt und als Prostituierte in arabische Staaten verkauft. Die entstehenden politischen Freiheiten werden von Frauen genützt. So sind im ganzen Land Frauen-Organisationen entstanden. Erst im Jänner 2004 konnten von Frauen angeführte Massen-Demonstrationen die Einführung der Sharia verhindern. Frauen-Organisationen und säkulare Organisationen konnten hier einen bereits gefassten Beschluss des Übergangs-Rates wieder zu Fall bringen. In der noch gültigen Übergangs-Verfassung wurde eine Frauenquote von 25 Prozent für das neue irakische Parlament beschlossen."

CHiLLi: „Erkennen Sie eine positive Entwicklung im Bereich der Rechte für Frauen? Setzt die neue Regierung explizite Schritte?"
Thomas Schmidinger: „Das Positive ist, dass sich Frauen nun genauso politisch engagieren können, wie andere gesellschaftliche Gruppen und selbst um ihre Rechte kämpfen können. Von Seiten der neuen Regierung erwarte ich mir hier eigentlich nichts. Die Regierung wird ja mehr oder weniger aus einer Koalition kurdischer und schiitisch-religiöser Parteien gebildet. Die explizit linken Kräfte, insbesondere die Kommunistische Partei, sind ja nach ihrem schlechten Wahlergebnis nicht mehr in der Regierung vertreten. Aber selbst in den schiitisch-islamistischen Parteien Da´wa und SCIRI gibt es aktive Frauen, die für manche frauenspezifischen Fragen durchaus als Bündnis-Partnerinnen zu gewinnen wären. Immerhin ist es dort nun aber möglich für NGOs wie Wadi Frauen-Schutzhäuser zu bauen oder etwa eine Kampagne gegen weibliche Genital-Verstümmelung zu beginnen. Mit all diesen Projekten stehen wir jedoch erst am Anfang eines langen Kampfes um Emanzipation."

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