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Irak: Revolte in der Stadt der Giftgasopfer

Reportage von Wieland Schneider aus der "Presse", nach einer von LeEZA (damals "Wadi") organsierten JournalistInnenreise. 5000 Menschen starben, als 1988 Saddams Chemie-Bomben auf Halabja fielen. Die Überlebenden fühlen sich verraten.

Die Presse, 12. Mai 2006


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Sie hatten die Stadt terrorisiert - die "Österreicher." Tagelang hatten sie in Halabja eingeschlagen und eine Spur der Verwüstung gezogen. Mit Schrecken erinnert sich Fallah Mordakhin an damals. An den Dauerbeschuss mit den "Nemsauwis", den "Österreichern" - den Granaten der österreichischen Noricum-Kanonen, die Iraks Armee vor der Kurden-Stadt in Stellung gebracht hatte.

Das Artilleriefeuer war nur Auftakt für das, was Diktator Saddam Hussein noch mit Halabja vorhatte. "Die Flugzeuge kamen in mehreren Wellen", berichtet Mordakhin. "Sie warfen Napalm und Sprengbomben ab, schossen aus den Bordkanonen, um die Menschen in die Häuser zu treiben. Und dann kam das Gas."

Fallah Mordakhin - heute Koordinator der Hilfsorganisation "Wadi" - war 13 Jahre alt, als Iraks Luftwaffe im März 1988 Halabja mit chemischen Waffen attackierte. Er überlebte den Angriff, versteckte sich mit seinen Verwandten wochenlang in einer Höhle. 5000 Menschen starben. "Wo jetzt der Friedhof ist, gingen viele Gasbomben nieder. Sie fielen mitten in die Flüchtenden, überall waren Tote", erzählt Mordakhin und deutet über das Gräberfeld.

Hier, etwas außerhalb der kurdischen Stadt, liegen viele Opfer des Giftgasangriffes in Massengräbern. "Eintritt für Baathisten verboten!", befiehlt ein Schild am Eingang des Friedhofs. Kein Anhänger von Saddams früherer Baath-Partei soll die Ruhe der Ermordeten stören.

Der Angriff auf Halabja war Höhepunkt jahrzehntelanger Unterdrückungspolitik durch das Regime in Bagdad. Als in den achtziger Jahren, während des Iran-Irak-Kriegs, der Widerstand der Kurden wuchs, startete Saddam die "Anfal"-Operationen. Tausende Kurden wurden getötet oder deportiert, zahllose Dörfer zerstört.

Heute haben Iraks Kurden Saddams Schreckensherrschaft abgeschüttelt. Das Baath-Regime wurde durch den US-Feldzug zerschlagen, das kurdische Autonomiegebiet im Nordirak entwickelt sich immer mehr zu einer Insel der Sicherheit und des Aufschwungs inmitten eines von Terror gepeinigten Landes. "Anfal" und Halabja wurden für die Kurden zu Symbolen der Verfolgung, die Ermordeten von Halabja zu "Märtyrern" des Ringens um Freiheit und Unabhängigkeit.

Zur Erinnerung an sie haben die kurdischen Behörden das "Halabja Memorial Museum" errichten lassen. Vor dem imposanten Gebäude am Rande der Stadt schieben kurdische Soldaten Wache. Unzählige ausländische Besucher haben die Gedenkstätte bereits besichtigt. Doch dieses Mal verweigern die Uniformierten den Zutritt. Das Museum ist völlig ausgebrannt. Es wurde von wütenden Menschen aus Halabja angezündet - den Angehörigen derer, denen das Museum gewidmet war.

"Halabja wurde jahrelang von der Regierung vernachlässigt. Vor mehr als einem Monat ist die Lage dann eskaliert", berichtet Qaysay Rahman, Manager des unabhängigen Stadtradiosenders "Radio Dangy Nue". Unzufriedene Bewohner hatten versucht, die Gedenkfeier für den Giftgasangriff am 16. März zu nutzen, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen: Damit die Schotterstraßen der Stadt endlich asphaltiert werden und die Häuser Anschluss an sauberes Wasser erhalten.

"Sie wollten eine Petition an die kurdischen Politiker übergeben", erzählt Rahman. Doch daraus wurde nichts. Die kurdische Spezialeinheit "Asaish" begann auf die Demonstranten zu feuern. "Als sie die Schüsse hörten, liefen immer mehr Leute zur Gedenkstätte, wo die Feierlichkeiten abgehalten wurden." Die Menge drang in das Museum ein, brannte es nieder. Ein Jugendlicher starb durch die Schüsse der Sicherheitskräfte.

Die Kurden-Regierung reagierte geschockt, befahl Massenverhaftungen, sprach von einem "Komplott des iranischen Geheimdienstes". Nun hat sie 30 Millionen US-Dollar für den Ausbau der Infrastruktur Halabjas versprochen. Das ausgebrannte Museum soll renoviert werden. "Für mich ist es nicht so wichtig. Es wurde ohnehin nur für ausländische Gäste gebaut", so Mordakhin. "Wichtig ist dieser Friedhof. Hier kommen meine Erinnerungen wieder."

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