___________________________________________________
Â
Geschrieben von: Wieland Schneider, Die Presse
Die Presse, 6.2.2007
Wenn Frauen in archaischen Bräuchen ihrer Lust beraubt werden.
Von Wieland Schneider
wien/suleymania. „Was passiert da drinnen. Warum ist das nur für Frauen." Der alte Mann wirft neugierige Blicke auf den Eingang des Schulgebäudes. Fast alle Bewohnerinnen des nordirakischen Dorfes Awaqut haben sich in einem der Klassenzimmer versammelt, für Männer ist der Eintritt untersagt. „Die Frauen sollen offen diskutieren können", meint Nasreen Ibrahim, lokale Mitarbeiterin der Hilfsorganisation „Wadi". Immerhin ist das Thema, das drinnen zur Sprache kommt, mehr als heikel: Beschneidung von Frauen.
Awaqut ist ein typisches Dorf der Region Germian im Süden der irakischen Kurdengebiete - mit seinen niedrigen Lehm-verputzten Häusern, seinen Schafherden und all seinen Problemen: kaputter Infrastruktur und Genitalverstümmelung. 2004 führte „Wadi" in 40 Dörfern in Germian Erhebungen durch. Das Ergebnis war erschreckend: Von 1544 befragten Mädchen und Frauen gaben 907 an, beschnitten worden zu sein. „Wadi" startete eine Aufklärungskampagne. Auf Frauenversammlungen in den Dörfern werden Filme gezeigt, in denen sich Gynäkologinnen und Mullahs gegen Beschneidungen aussprechen.
„Die kurdischen Behörden waren zuerst gegen das Projekt", berichtet Soma Ahmad von „Wadi"-Österreich. Es hagelte Vorwürfe, „Wadi" wolle Kurdistan als „rückständig" diffamieren. Fernab der Dörfer, in Städten wie Erbil oder Suleymania, ist nur schwer zu glauben, dass Beschneidung auch im Nordirak vorkommt. Mittlerweile wird die Kampagne aber von Vertretern der kurdischen Regionalregierung unterstützt.
Bis vor wenigen Jahren war man davon ausgegangen, dass Genitalverstümmelung in erster Linie ein afrikanisches Problem ist. In 28 afrikanischen Staaten werden bis zu 90 Prozent aller Frauen und Mädchen dieser grausamen Prozedur unterzogen. Doch auch Asien und sogar Europa sind betroffen. Laut Schätzungen werden weltweit 155 Millionen Frauen Opfer von Beschneidung.
Das Problem war lange ein Tabuthema - bis zum 6. Februar 2003, als das Problem auf einer großen Konferenz in Afrika offen angesprochen wurde. Der 6. Februar ist seither Tag des Kampfes gegen Beschneidung, weltweit wurden zahlreiche Initiativen ins Leben gerufen. Im November vergangenen Jahres verurteilten hohe islamische Würdenträger in einer Fatwa, einem religiösen Gutachten, die Beschneidung.
Beschneidung in Österreich?
Auch Petra Bayr, SP-Entwicklungssprecherin und Sprecherin der Österreichischen Plattform gegen Genitalverstümmelung ortet Fortschritte. In einigen afrikanischen Ländern seien Gesetze gegen Beschneidung erlassen worden. „Wir sind aber noch lange nicht am Ziel." 1999 hatte die damalige Frauenministerin Barbara Prammer eine Studie zu Genitalverstümmelung in Österreich in Auftrag gegeben. Daraus war hervorgegangen, dass 30 Prozent der Migranten aus den betreffenden Ländern mit dem Gedanken spielen, ihre Töchter beschneiden zu lassen. Konkrete Fälle konnten bisher aber nicht nachgewiesen werden. (Siehe Gastkommentar Seite 33)
Der 6. Februar ist internationaler Tag des Kampfes gegen Genitalverstümmelung von Frauen.
Die brutale Tradition ist in Afrika aber auch in Teilen Asiens verbreitet. Dabei werden Mädchen mit Messern oder Rasierklingen Teile der äußeren Genitalien weggeschnitten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2007)
LeEZA, Postfach 105, A-1181 Wien | Tel.: +43-650-5236415 | Fax: +43-1-9135484 | info@leeza.at