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Zwischen Kolonialismus, Menschenrechten und Jihad

Die Presse, 11.7.2009

Dass nicht nur in Tibet, sondern auch im Westen Chinas ein ausbeuterisches und repressives Kolonialregime herrscht, war bislang in Österreich allenfalls jenen bekannt, die im Asylwesen tätig sind und dabei auch mit uigurischen Flüchtlingen aus der Volksrepublik China zu tun haben.

Die im 13.Jahrhundert islamisierten Uiguren bildeten mit ihrer Turksprache einen Teil jener zentralasiatischen Kulturlandschaft, die wirtschaftlich von Nomaden- und Oasenwirtschaft sowie vom Handel über die Seidenstraße lebte. Erst im 18.Jahrhundert gelang es den Mandschu-Herrschern Chinas, Uiguristan für ihr expandierendes Reich zu unterwerfen. Der chinesische Name der eroberten Region „Xinjiang" (=Neuland) deutet bereits auf das koloniale Verhältnis, das sich in der Folge zwischen dem chinesischen Kernland und den von wiederholten Aufständen erschütterten eroberten Gebieten entwickelte. Mit dem Ende des Kaiserreiches endete auch die chinesische Kontrolle über das Gebiet, die erst nach der Machtübernahme Maos 1949 wiederhergestellt werden konnte.

Anfangs erhielten die neuen Herrscher durchaus Unterstützung von Teilen der uigurischen Bevölkerung. Die autonome Region „Xinjiang-Uigur" wurde jedoch spätestens mit der Kulturrevolution und der damit verbundenen Verfolgung gläubiger Muslime zur Makulatur. Ökonomisch wurde Uiguristan wie andere periphäre Regionen Chinas stark vernachlässigt.

Gesundheitsschädliche Jobs

Das Gebiet diente primär als Lieferant für billige Rohstoffe und Arbeitskräfte. Uranabbau, Atomversuche und eine einseitige Industrialisierung mit ökologisch problematischer Schwerindustrie führte zur Verwüstung von Teilen der Region. Politische Proteste wurden regelmäßig extrem blutig unterdrückt. Schon in den 1990er-Jahren starben bei Massakern mehrfach hunderte Oppositionelle.

Während die Regierung in Peking mehrere Millionen Han-Chinesen in den Städten der Region ansiedelte und zur neuen Elite des Landes machte, mussten sich viele Uiguren mit einfachen und oft gesundheitsschädlichen Jobs begnügen. Jene, die nicht einmal solche Arbeitsplätze erhalten konnten, sahen sich gezwungen, sich in den aufstrebenden Regionen im Osten Chinas als Wanderarbeiter am untersten Ende der Hierarchie zu verdingen.

Solche Wanderarbeiter, die unter sklavenähnlichen Bedingungen in einer Spielzeugfabrik im chinesischen Kernland arbeiteten, wurden am 29.Juni 2009 Opfer rassistisch motivierter Gewalt einer aufgehetzten Menge, die die Uiguren fälschlicherweise einer Vergewaltigung einer Han-Chinesin beschuldigten. Nach uigurischen Angaben wurden dabei 26 Uiguren - Männer und Frauen - ermordet und über 100 teils schwer verletzt.

Selbsterfüllende Prophezeiung?

Dieses Pogrom stand am Beginn der aktuellen Protestwelle in Uiguristan. China als repressiver Polizeistaat reagierte auf Proteste wie vor den Olympischen Spielen in Tibet: mit brutaler Repression - die bereits mehreren hundert Menschen das Leben gekostet haben dürfte - und der Beschuldigung ausländischer Kräfte, hinter den Aufständischen zu stehen. Diesmal wurde nicht die „Dalai-Lama-Clique", sondern „al-Qaida" als Schuldige identifiziert. China rechnet wohl damit, dass das islamistische Terrorschreckgespenst jede internationale Kritik am eigenen Vorgehen im Keim ersticken wird. Tatsächlich vertreten die uigurischen Autonomiebewegungen überwiegend einen säkularen Nationalismus. Sollte der Westen den Beschuldigungen Chinas Glauben schenken und dem Regime in Peking freie Hand gegen die UigurInnen geben, könnte es sich dabei jedoch - ähnlich wie beim anfangs ebenfalls säkularen tschetschenischen Nationalismus im Kaukasus - um eine selbsterfüllende Prophezeiung handeln.

Brutale Massaker des Regimes

Die brutalen Massaker des Regimes könnten auch hier die Bevölkerung in die Arme all jener treiben, die ihnen Unterstützung anbieten. Dies könnte ein seinen proklamierten Idealen verpflichteter Westen sein- aber im Falle des Versagens der demokratischen Staaten könnten es auch jene sein, die statt der Menschenrechte die Solidarität der Umma und den Jihad gegen die Ungläubigen proklamieren.
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Thomas Schmidinger ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft und seit mehreren Jahren für unterschiedliche NGOs im Flüchtlingsbereich tätig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2009)

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